| |
“Das Reich, lange geteilt, muss vereinigt werden, lange vereinigt, muss es geteilt werden.” So beginnt die historische Sage „Die Drei Königreiche“ mit einer Zeile, die von der chinesischen Diaspora mindestens ebenso oft zitiert wird, wie „Sein oder nicht Sein“ im Westen.
Heutzutage werden in vielen westlichen betriebswirtschaftlichen Lehrgängen die östlichen Denk-Strategien mittels Sun Tzu’s Abhandlung „Die Kunst des Krieges“ vermittelt. Man kann sich vorstellen, dass es für eine mittelalterliche Schlacht keine bessere Vorbereitung gibt. Aber um das chinesische Konzept für Diplomatie, Strategie und Kriegsführung zu verstehen, gibt es nichts Anschaulicheres und Erstaunlicheres als die „Drei Königreiche“-Sage.
Das Spannendste an dieser Geschichte ist, dass sie noch heute so einflussreich ist wie früher, sogar bevor sie schriftlich festgehalten wurde. Wenn dies keinen Sinn zu machen scheint, dann beachten Sie bitte, dass dieser Roman eine kluge Synthese aus einer Myriade von Theaterspielen, Opern, Mythen und Volksmärchen, die in der frühen Ming-Dynastie (1360 – 1390) weitverbreitet waren, darstellt. Die zeitgenössischen TV-Shows und Zeichentrickdarstellungen, die den Roman für japanisches, koreanisches, vietnamesisches und chinesisches Publikum aufbereiten, folgen damit der Tradition der Dramatik, die jene Ereignisse schon seit Jahrhunderten populär gemacht hat.
Auf den Punkt gebracht: In “Die Drei Königreiche” wird der Zeitraum zwischen der Auflösung der Han-Dynastie 168 n. Chr. und der darauffolgenden Wiedervereinigung Chinas in 280 n. Chr, unter der Jin-Dynastie, beschrieben. In dieser Zwischenperiode entfalteten sich drei Königreiche die sich gegenseitig herausforderten und China unter ihrer jeweiligen Macht vereinen und kontrollieren wollten. Es waren die Wei – die in Nordchina beheimatet waren, die Shu – aus West-Sichuan und die Wu – die im Süden des unteren Yangtze wohnten. „Die Drei Königreiche“ verfolgt die Spuren der zahlreichen Anführer und deren Strategien beim Kampf um die Vorherrschaft.
Um die zentrale Rolle des Yangtze-Flusses in dieser geschichtlichen Fiktion ein wenig begreiflich zu machen, genügt es, den Prolog zu zitieren. Dieser ist in der Form eines Gedichtes verfasst:
“Weiter und weiter rollt der Große Fluss, nach Osten rasend.
Von stolzen und galanten Helden lassen seine weissen Wellenkronen keine Spur,
Wenn richtig und falsch, Stolz und Absturz ganz plötzlich irreal werden.
Doch die grünen Hügel bleiben für immer
Und funkeln im Tag, der im Westen verschwindet."
Der Mittellauf des Yangtze grenzte an alle drei Königreiche und war daher der unvermeidliche Mittelpunkt vieler Schlachten. Bevor wir die berühmteste der Schlachten, mit welcher der Fluss in Verbindung gebracht wird erörtern, ist es erforderlich, zuerst die drei Königreiche und ihre Anführer vorzustellen.
Das Königreich der Wei
General Cao Cao wird als superintelligenter Böser dargestellt. Während des Zerfalls der Han-Dynastie wird er zum Regenten des letzten Kaisers. Seine Absichten sind jedoch mehrdeutig und sobald er seinen Einfluss am Hof gestärkt hat, macht er aus dem letzten Han-Kaiser seinen Gefangenen und ruft sich selbst als König von Wei aus. Von da an ist es nur ein kleiner Schritt für seinen Sohn den entmachteten letzten Han-Kaiser zu entthronen und sich selbst als Kaiser zu proklamieren.
Das Portrait von Cao Cao ist interessant, weil der Verfasser der Novelle dessen Ehrgeiz, sich die Han-Dynastie anzueignen, verurteilt. Gleichzeitig zollt er der bravourösen Militärstrategie und gewieften politischen Taktik Cao Cao’s Achtung. Was diesen Charakter noch facetenreicher macht ist, dass Cao Cao, obwohl er von einer mächtigen Familie abstammt, kämpfen muss, um seine königliche Position letztendlich zu erreichen.
Das Königreich der Shu
Der Verfasser der Novelle favorisiert den Anspruch dieses Königreiches auf den kaiserlichen Thron. So kann sich dieses Königreich der interessantesten Charaktere rühmen.
Liu Xuande, König der Shu, ist ein weitschichtiger Blutsverwandter des Han-Kaisers. Er soll alle seine Entscheidungen gemäß strikter ethischer Werte getroffen haben und seine Menschlichkeit hat viele talentierte Menschen in seinen Umkreis gezogen. Sein Charakterbild wird nicht zum Stereotypen, weil seine so hochgelobte Tugendhaftigkeit sein militärisches und politisches Talent weit übersteigt. Seine Unzulänglichkeit als Regierender hat seinen Ministern mehr Macht verliehen.
Keiner steht mehr im Mittelpunkt als Zhuge Liang . Als Politiker, Militärstratege, Verwaltungsbeamter und Schamane par excellence, wurde aus diesem Charakter ein Archetyp. Er personifiziert die extreme Verherrlichung eines Regierungsministers. Obwohl der historische Zhuge Liang für seine Fähigkeiten weithin bewundert wird, ist seine Figur in den „Drei Königreichen“ hauptsächlich eine mythische Gestalt. Von keinen begrenzenden Tatsachen behindert, werden Zhuge Liang’s Pläne höchstens von der Unfähigkeit seiner Umgebung vereitelt. In Anbetracht der Gewieftheit seiner ausgeklügelten Konzepte, zeugt es vom Geschick des Verfassers, dem es ihm gelang, den fiktiven Charakter vom Verdacht der Doppelzüngigkeit freizuhalten. (Was sicher bei dem richtigen, historischen Zhuge Liang nicht der Fall war.)
Zur vollständigen Einführung in das Königreich der Shu, muss man neben den beiden oben genannten Personen unbedingt auch Liu Xuandes Schwurbrüder erwähnen - Zhang Fei und Guan Yu. Die Eröffnungsszene der “Drei Königreiche” zeigt die drei mittellosen Krieger, die sich unauflösbare brüderliche Unterstützung bei der Erfüllung ihres Gelöbnisses schwören, die schwächelnde Han-Dynastie von der Bedrohung durch Banditen zu befreien.
Zhang Fei ist der Inbegriff militärischer Stärke. Ehrenhaft, tapfer, körperlich gewaltig und von ungeheurem militärischen Talent ist es sein Schwachpunkt, dass er mehr von der Leidenschaft als vom Denken gelenkt wird. Im Laufe der Entwicklung der Geschichte sehen wir, dass Zhang Fei gerissener wird. Trotzdem ist es seine instinktive Natur, die ihn nach dem Tod seines Schwurbruders Guan Yu in den Untergang treibt.
Guan Yu vereinigt militärischen Heldenmut, Ehre und Intelligenz. Der tapfere und leicht eitle Guan Yu ist eine Kontrastfigur zu Liu Xuande und rechtfertigt den konfuzianischen Ethik-Code, der die Gründung des Königreichs der Shu zementiert. Letztendlich bringt Guan Yu’s Arroganz ihm den Tod. „Kenne deinen Feind und kenne dich selbst“, fordert Sun Tzu in seiner Abhandlung „Die Kunst des Krieges“. Doch Guan Yu beachtet diesen Grundsatz nicht und unterschätzt die Hinterlistigkeit seines jungen Gegners.
Das Königreich der Wu
Das Königreich der Wu befand sich südlich des Yangtze-Unterlaufs. Dieser Fluss war nicht nur die nördliche Grenze, sondern in gewisser Weise auch sein Schicksal. Als natürlicher Stossdämpfer gab er den Wu große Verteidigungsvorteile. Jede nördliche Landattacke wurde jedoch von der Möglichkeit überschattet, dass die entsandten Streitkräfte während der Schlacht mit ihrem Rücken zum Fluss eingeschlossen werden konnten und von der Bedrohung, ihre Rückseite der Gefahr eines Angriffs vom Fluss ger auszusetzen.
Sun Quan ist der König von Wu. Es ist ihm hauptsächlich wichtig Jingzhou wieder zu gewinnen, einen Militärbezirk, den er Liu Xuande als Belohnung für ihren gemeinsamen Angriff auf Cao Cao, anlässlich der berühmten Schlacht am Roten Felsen, überlassen hatte. Doch es stellt sich heraus, dass Liu Xuande, der diesen Distrikt ursprünglich pachten wollte, hinterlistig gehandelt hat. Nachdem er sein eigenes Königreich der Shu gesichert hatte, setzte er Guan Yu als nachfolgenden Regierenden von Jingzhou ein. Dieses Doppelspiel fordert die Wu zu einem Angriff heraus und Guan Yu wird getötet. Liu Xuande kann seinen Ruf als Regierender mit moralischen Grundsätzen nur von Schmach retten, indem er sofort alles riskiert um entgegen der Empfehlungen seiner Ratgeber den Tod seines Schwurbruders zu rächen. Er startet einen Feldzug der nicht nur ihm selbst, sondern auch seinem zweiten Schwurbruder Zhang Fei den Tod bringt.
Es wird zwar die Anstrengung unternommen, Sun Quan als Abtrünnigen darzustellen, insbesondere was seine wiederholten Versuche Liu Xuande umzubringen betrifft, aber seine Fremdenpolitik ist nicht aggressiv genug, um der Böswilligkeit von Cao Cao ebenbürtig sein zu können. Hinzu kommt, dass der darauffolgende Verrat von Liu Xuande die ursprünglich hinterlistige Haltung Sun Quans teilweise rechtfertigt.
Die Schlacht am Roten Felsen
Diese Schlacht am Yangtze-Fluss ist die berühmteste aus der Novelle, denn das Resultat ist die Dreiteilung der Macht zwischen den drei Königreichen. General Cao Cao’s flussgebundener südlich gerichteter Feldzug wird von der Vereinigung der geringeren Streitkräftekontigente von Liu Xuande und Sun Quan vereitelt.
Diese Schlacht ist doppelt denkwürdig weil sie eine der ersten ist, in der man Zhuge Liang nach seiner Einführung in die Novelle bewundern kann. Zhuge Liang’s Hinterlist ist so angsteinflößend, dass sein Verbündeter und späterer Chef, Sun Quan’s Militärkommandant, der bejahrte General Zhou Yu versucht, einen Mord an ihn in Auftrag zu geben und so sein eigenes Königreich der Wu von späteren potentiellen Agressionen durch dieses Militärgenie zu bewahren. Doch Zhuge Liang hat dies schon vorhergesehen.
Es ist nicht möglich in dieser kurzen Zusammenfassung die Brillianz von Zhuge Liang’s Plänen zu vermitteln. Wir wollen es gar nicht erst versuchen. Stattdessen raten wir den Lesern sich ein Exemplar des Buches „Die Drei Königreiche“ zu besorgen und das Kapitel 44, das von der Schlacht am Roten Felsen handelt, aufzuschlagen. Wenn Sie mit Ihrer Lektüre an diesem Punkt beginnen, kann es gut sein, dass nur Hunger und Schlaf sie von den aufregenden Folgekapiteln weglocken werden.
Um Ihren Appetit anzuregen, bringen wir nachstehend eine Beschreibung des Yangtze. Zhuge Liang hat in einer seiner Strategien Nebel vorhergesehen. Dies ist ein kurzer Ausschnitt der düsteren Szene.
" Manchmal sind die Kräfte von Yin und Yang, welche die Natur lenken, aus dem Lot, und Tag und Dunkelheit scheinen eins zu sein und der weite Raum wird zu einer furchtbaren Schwarz-Weiss-Aufnahme. Überall ist stockdichter Nebel. Keine einzige Fuhre kann gesichtet werden. Aber der Klang eines Gongs oder einer Trommel schallt weit hinaus.
Es ist wie das Ende der frühen Regen, wenn die Kälte des noch verborgenen Frühlings um sich greift: überall verschwommen, wässrige Öde und Dunkelheit, die sich ausbreitet. Tausend Kriegsdschunken sind in den steilen Felsschluchten wie verschluckt, nur ein einziges Fischerboot schaukelt verwegen auf den Wellen.
Der trübe, unermüdliche Nebel ist wie das Chaos vor einem Sturm, und wirbelt Streifen herum, die frostigen Wolken ähneln. Gemeine Seelen, die auf ihn treffen fallen tot um. Große Männer betrachten ihn und verzweifeln. Kehren wir zum Ur-Zustand zurück, welcher der Form selbst vorausging – wo Himmel und Erde ungeteilt waren?“
|
|