In wenigen Städten findet man soviele gegensätzliche Aspekte wie in dem verwestlichten Shanghai. Jene, die unverblümt behaupten, dass es in dieser schwungvollen Stadt nur um Geld und nicht um Politik geht sollten sich daran erinnern, dass hier die chinesische kommunistische Partei gegründet wurde. Andere, die in ihr eine Stadt ohne Herz sehen, mögen sich nur die Freude der Juden vorstellen, die vor dem Nazi-Holocaust hierher geflüchtet waren und für die Schanghai die einzig mögliche Zufluchtsstätte bedeutete. Ist die Essenz von Schanghai ausländisch oder chinesisch, gebend oder nehmend, politisch progressiv oder reaktiv? Dies sind gewichtige Punkte, über die Sie während Ihres Aufenthalts hier nachsinnen werden.

Drogen, Finanzgeschäfte und Krieg waren unglücklicherweise immer wiederkehrende Themen in der turbulenten Geschichte Schanghais. Die Gründung der Stadt geht schon auf diese geschmacklose Mischung zurück. Im frühen neunzehnten Jahrhundert sahen britische und amerikanische Handelsfirmen den Verkauf von Opium an China als Mittel, das große und ständig wachsende Handelsdefizit ihrer Länder auszugleichen. Als China dies ablehnte, sendeten die Briten gut bewaffnete Expeditionen um die Chinesen zu dieser Abmachung zu zwingen. 1842 bezwang die Marine Ihrer Majestät der Königin von England die praktisch mittelalterlichen chinesischen Streitkräfte und verlangte unter anderem die Öffnung von fünf Häfen für den internationalen Handel. Einer dieser Häfen, Schanghai, wurde der wichtigste am Yangtze Fluss und bescherte 1898 alleine dem britischen Handel jährlich die Summe von umgerechnet 3.6 Millarden US $.

Die Extraterritoralität war das Grundprinzip der neuen Stadt. Das hieß, dass in den amerikanischen Siedlungen amerikanisches Recht galt, in den britischen Siedlungen britisches Recht usw. Da die Besteuerung in den ausländischen Gebieten weitaus niedriger war als in China, siedelten bald chinesische Geschäftsleute aus ganz China ihre Läden und Heimstätten in die ausländischen Konzessionen von Schanghai um. Daraufhin schnellten die Grundstückpreise in die Höhe und ein Triumphirat aus Finanz-, Handel- und Immobilienindustrie entwickelte sich in den ausländlischen Enklaven.

Trotzdem hing das Wachstum dieser ursprünglich für Opiumhändler geschaffenen Stadt nach wie vor vom Drogengeschäft ab. Durch Bestechung der fremden Polizei, insbesondere der französischen, gelang es Geheimbünden sich in den Konzessionen niederzulassen und von dort aus den Opium- und Heroinhandel zu überwachen. Die Macht und die finanzielle Stärke dieser Handelsgesellschaften war so groß, dass die nachfolgenden Führer von Schanghai, wie die japanische Armee und die Kuomintang-Partei, sie ebenfalls begünstigten. Nach dem Zivilkrieg, als die chinesische kommunistische Partei die Kontrolle über Schanghai übernahm, wurde der Handel in der Stadt verboten. Die Drogensyndikate wanderten nach Taiwan aus und Schanghai machte einen abrupten Drogenentzug durch.
Heutzutage sind ausländische Geschäftsleute in Schanghai abermals willkommen. Glanzvolle Gebäude erheben sich wieder entlang des Huangpu-Flusses und in der warmen Abendluft hört man die neuesten Melodien. Der Unterschied zu früher ist, dass es die Chinesen sind, die Parties feiern.


 

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